Aus dem Unterricht

Bildung aus der Bild – Kann das gut gehen?

Ein Kommentar von Katharina Maria Tadic, Q2

 „Lest euch bitte diesen Zeitungsartikel durch und arbeitet die Hauptthese heraus!“, mit diesen Worten knallte mir mein Deutschlehrer heute wieder einen Zeitungsartikel auf den Tisch. Für mich als Schülerin war das nichts Neues, denn in den meisten Fächern arbeitet man regelmäßig mit dieser Textart. Doch an diesem Tag kam mir die Frage in den Sinn, ob eigentlich der Zeitungsartikel als Unterrichtsmaterial angemessen ist oder nicht?

Der Zeitungsartikel stellt in vielen Fällen einen idealen Start in viele Unterrichtsinhalte dar, denn er kann uns lehren, Dinge oder Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen und liefert gleichzeitig ein gewisses Maß an Informationen. Vor allem Neuigkeiten, die das Zeitgeschehen dokumentieren, können durch pädagogisch aufgearbeitete Unterrichtsmaterialien nur eingeschränkt präsentiert werden. Wenn heute der Wald und der Busch in Australien brennt, dann kann man mit der Erarbeitung der möglichen Probleme und ihrer Lösungsstrategien bei den sich daraus ergebenden Themen wie Klimaveränderung, Dürre, Leid für Mensch und Tier, nicht warten, bis Pädagog*innen diese Themen für uns lesbar und möglichst allumfassend aufgearbeitet haben. Wir müssen lernen mit den Dingen, die uns täglich begleiten, umzugehen, diese kritisch zu hinterfragen und unsere Schlüsse daraus zu ziehen.

Obwohl die AFD und deren Anhänger*innen die Presse teilweise verteufelt und das Wort Lügenpresse immer häufiger zu hören ist, die Menschen haben Vertrauen in unsere Medien und unsere Presse. Das Eurobarometer hat durch seine jährlich wiederholten Umfragen nach dem Vertrauen in die Presse der über 14-Jährigen in der Bevölkerung festgellt, dass im Jahr 2017 etwas mehr als die Hälfte der Deutschen der Presse und damit auch den, in ihr veröffentlichten Zeitungsartikeln, vertraut. Gerade hier setzen die Lehrer*innen an, wenn  sie uns Schüler*innen Zeitungsartikel zur Bearbeitung im Unterricht oder als Hausaufgaben darbieten. Ganz egal welches Material sie ihren Schüler*innen im Unterricht vorlegen, egal ob pädagogisch aufgearbeitet oder nicht, sollen diese möglichst kritisch an dieses Material herangehen. Der Zeitungsartikel mit seinem Facettenreichtum eignet sich hierfür prächtig. Hier tummeln sich verschiedene Denkansätze, politische Meinungen und Präsentationstechniken, immer nah am Zeitgeschehen.

Natürlich sind in der journalistischen Arbeit Realitätsnähe und geprüfte Quellen wichtig. Dass soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Journalist*innen nicht immer frei sind von einer lenkenden Berichterstattung. Gerade in der Zeit des Internets und der schnellen Verbreitung von Sozialen Medien hat die Presse manchmal das Bedürfnis, da mitzuhalten. So kann es, wie Manuel Kugler berichtet, dazu kommen, dass Journalist*innen von Politiker*innen ausgewählte Informationen zugesteckt werden (nach Die Berichterstattung zu den eigenen Gunsten zu lenken…, Nürnberger Tageszeitung).

Blutrünstige und distanzlose Berichte, wie man sie aus manchen Zeitungen kennt, gibt es immer wieder. Die große deutsche Tageszeitung mit den vier Buchstaben nutzt eine solche Berichterstattung regelhaft. Ihre Leser*innen schätzen teilweise genau diese Art der Darstellung und die Knappheit der übermittelten Informationen. Wie Thomas Thelen, ein Journalist der Aachener Zeitung, im Artikel Was Journalismus darf schreibt ist die Arbeit der Presse aber in den wichtigsten Zügen durch den Pressekodex geregelt. Auch wenn solche Zeitungen häufig das Maß des guten Geschmacks überschreiten und dies häufig vor allem tun, um die Gelüste ihrer Leser*innen zu befriedigen, kann dies, durch andere Journalist*innen kritisiert und damit auch offengelegt werden. Herr Thelen ist der Auffassung dass man „die Qualität der Selbstkritik nicht unterschätzen sollte“ (Auszug aus Was Journalismus darf).

Zu guter Letzt bleibt zu bedenken, dass wir Schüler*innen immer seltener in unseren Familien mit Tageszeitungen und Wochenzeitungen in Berührung kommen. Unser Medium ist das Internet. Hier suchen wir uns die neusten Informationen, irgendwo zwischen lustigen Katzenvideos, Schminktipps und Hasskommentaren. Hier müssen wir noch viel aufmerksamer sein. Im Internet ist die Wahrheit, wenn es sie denn gibt,  noch viel seltener einfach zu erkennen. Daher ist das Üben an Texten, die Meinung und Polarisierung beinhalten und die vielleicht auch mal geschmacklos sind, wichtig. Hätten wir dafür nur unsere Schulbücher, dann würde an der Realität weit vorbeiunterrichtet.

Also liebe Lehrer*innen, ich freue mich auch weiterhin darauf, von Ihnen durch viele spannende Zeitungsartikel auf den neusten Stand gebracht zu werden. Gerne darf es auch einmal etwas richtig Schräges sein, das fesselt mich mehr als ein Schulbuchtext über DVD’s in Zeiten von Netflix und Amazon Prime und weckt mein Interesse an guter Arbeit mit Texten.

"Materialgestütztes Schreiben" heißt eine anspruchsvolle Unterrichtseinheit in der Jahrgangsstufe 12. Es gilt dabei, jeweils einen Berg von unterschiedlichen Materialien (Grafiken, Berichte, Essays, Karikaturen, Kommentare usw.) zu sichten, sich zu positionieren und einen meinungsbildenden, journalistischen Text zu verfassen. In diesem Falle stand zur Diskussion, wie gut sich mit Zeitungsartikeln im Unterricht arbeiten lässt, wo doch in jüngster Zeit so viel Kritik an der Haltung und der Glaubwürdigkeit der deutschen Printmedien geäußert wird.